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"Es ist immer so schlechtes Wetter"

- Eine Produktion der Memoiren-Manufaktur

Kurz vor ihrem Tod hat Hilde Voigt (1902-1987) über die schlimmsten Wochen ihres Lebens geschrieben, mit blauem Kugelschreiber auf kariertes Papier. Nun, 30 Jahre später, wurde aus den zerfledderten Seiten endlich ein gedrucktes Buch.

"Es ist wieder Winter geworden und ich habe nach meiner Krankheit, die fast den ganzen Februar gedauert hat, wieder etwas Tatendrang. Ich habe viel rumgelegen und -gesessen, aber das habe ich satt und lesen und fernsehen kann man auch nicht immer. Es ist mir ziemlich schlecht gegangen und ich bin noch nicht wieder richtig gesund. Jetzt will ich aufschreiben, wo meine Gedanken während der Krankheit jeden Tag waren. Es ist schon 40 Jahre her, es ist mir aber so allgegenwärtig, als wäre es gestern gewesen."

Neben Hildes Aufzeichnungen, Fotografien und Landkarten enthält das Buch auch ein Glossar. Wer weiß heute schon noch, was es mit "Gesundheitskaffee" auf sich hatte, oder wer als "Pflichtjahrmädchen" galt?

Im Alter von 17 Jahren muss Hildes Sohn Gunter von der Schulbank zur SS. Ein paar Monate später, im Januar 1945, liegt er schwer verwundet in einem Lazarett in Kulmbach. Trotz Bombenhagel steigt Hilde in den Zug, sie will ihren Jungen endlich wiedersehen.

"Ich sah auf ihn herab und konnte nicht glauben, dass das mein Junge sein sollte. Das Gesicht so weiß wie der Gips, der um die Brust und den Arm war, ganz mager. Aber an der Tafel stand sein Name und ich stand fassungslos davor. Eine Schwester kam heran und weckte ihn auf und da sagte er: 'Ach Mama, wie habe ich auf dich gewartet.'"

Dreimal wird Gunter operiert, zusätzlich päppelt Hilde ihren Sohn mit Kohletabletten auf. Als sie ihn viele Wochen später nach Hause holen möchte, schwirren am Himmel die Flieger und für die beiden beginnt eine Irrfahrt entlang der Frontlinie.

"Das war der 9. April und am 12. April waren die Amerikaner in Meyhen. An diese wurde Gunter verraten, dass er bei der SS war. (...) Ach mein armer lieber Junge. Später als wieder etwas geregelte Verhältnisse waren, fiel er unter das Jugendschutzgesetz. Da wussten alle, ob Amerikaner oder Russen oder sonst welche, dass die Jungen sich nicht freiwillig zur SS gemeldet hatten. Sie waren einfach kassiert worden."

"Was ich geschrieben habe, ist ein Tatsachenbericht. Er selbst kann nicht mehr davon sprechen und ich denke: Es wird so mancher Kitsch gelesen und im Fernsehen mancher Quatsch angeguckt, vielleicht können seine Kinder auch mal dieses lesen, im Gedenken an ihren Vater. Mein heißester Wunsch ist, dass nie eine Mutter wegen ihres Kindes solche Fahrten machen und so viel Angst ausstehen muss, wie es hier der Fall war.“

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