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Lychener Leute

Der Punk in Uniform

Markus Pinnow betreibt in Lychen den "Gasthof am Stadttor" - seine Bratkartoffeln und die Gespräche nach Küchenschluss sind legendär. Der Mann hat viel zu erzählen, nicht nur aus seiner wilden Punk-Zeit...

Marcus Pinnow in seiner Küche im "Gasthof am Stadttor" in Lychen
Markus Pinnow ist Koch und begnadeter Angler: In seiner Küche im "Gasthof am Stadttor" landet der frische Fisch direkt in der Pfanne

„Mich hat es schon immer aufs Wasser gezogen. Als Jugendlicher angelte ich auf dem Oberpfuhl und träumte davon, zur See zu fahren. Ich wollte zur Handelsmarine gehen und Smutje werden, also Schiffskoch. Irgendwie reizte mich das: die Ferne, das Meer. Meine Mutter hatte aber eine Verwandte im Westen und so wurde mir das nicht erlaubt – auf den Reisen von Hafen zu Hafen hätte ja Fluchtgefahr bestanden. Im Nachhinein war es sicher gut, dass ich eben nicht auf einem Schiff gelandet bin. Mit 1,96 hat man nichts unter Deck zu suchen, da stößt man sich überall die Rübe und auch in den Kojen kann man nicht liegen. 

Ich begann nach der zehnten Klasse eine Ausbildung zum Tischler. Das lag nahe, denn schon mein Urgroßvater Ernst Fischer betrieb in dem Haus, in dem ich heute wohne, eine Schreinerei. „Ernst Fischer & Söhne“ stand an der Fassade und zur Straße hin gab es einen Sarg-Ausstellungsraum – denn mein Urgroßvater baute auch Särge. Es gibt die nette Geschichte, dass er sein Mittagsschläfchen immer im Sarg gehalten haben soll, dank Hobelspäne war es darin schön weich. Meine Urgroßmutter fand ihren Mann also regelmäßig mit geschlossenen Augen und verschränkten Händen im Sarg – und war wahrscheinlich beruhigt, wenn sie ihn schnarchen hörte. 

Der Opa hält sein Mittagsschläfchen im Sarg

Einer der vier Söhne des Sargschläfers war Wilhelm Fischer, mein Großvater. Er heiratete nach dem Zweiten Weltkrieg meine Oma Johanna, die eine geborene Ahlgrimm war und aus Bredereiche stammte. 1949 kam in Lychen meine Mutter zur Welt, mein Vater ist gebürtiger Magdeburger.

Doch zurück zu meiner Tischlerehre: Die machte ich beim VEB Spezialbau Fürstenberg, gleich links hinter dem Ortseingang. Die Lehre war nicht doll. Die Theorie war gut, aber die Praxis leider nicht. In dem VEB wurden nur Fenster, Türen und Tore gebaut, das war handwerklich nicht sehr anspruchsvoll. Hinzu kamen der permanente Materialmangel und Pfusch. Ich weiß noch wie heute, wie wir 150 Fenster in den falschen Maßen bauten. Sie konnten nicht eingebaut werden und wurden dann Eigenheimbesitzern in Karl-Marx-Stadt zur Verfügung gestellt. Für den eigentlichen Auftraggeber mussten die Fenster ein zweites Mal gebaut werden. Da wurden ein Heidengeld und Material und monatelange Arbeit in den Sand gesetzt! Da sagte ich selbst als Lehrling: So kann das mit der sogenannten DDR nicht auf Dauer funktionieren. Das war eines der vielen, vielen, vielen Mini-Steinchen im ganzen Getriebe. 

Da war "der Lange" noch ganz klein: Marcus Pinnow beim Hühner füttern hinter dem Haus, in dem er bis heute lebt.

Aber da dachte man nicht länger drüber nach. Es wurde eben die Arbeit erledigt und im besten Fall baute man während der Arbeitszeit noch Gardinenstangen, die man unter der Hand verkaufte, um die 100 Mark Lehrlingsgehalt aufzubessern und zur Disko gehen zu können. Zum Beispiel zum „Hölschenkeller“ in der Vogelgesangstraße. Ringsum Lychen gab es überall Diskos. In Rutenberg, Triepkendorf, Carwitz, Himmelpfort, Bredereiche, Marienthal – und mittwochs fuhren wir nach Templin zur „Hütte“, denn da waren viele Mädchen, die unter der Woche bei der Medizinischen Fachschule Medifa lernten. Diskos gab es genügend. Und wenn meine Kumpels und ich lange genug genervt hatten, wurde auch ein bisschen Punk gespielt. 

Viele Mädchen, ein bisschen Punk

An manchen Abenden trafen wir uns in der „Broiler-Bar“, im heutigen Ernst-Rückert-Haus. Dort gab es die besten Broiler, die man sich vorstellen kann. Absolut Kult! Die Gewürzmischung war geheim, und auch die „Duft“-Mischung in dem Laden war besonders: Nikotin, Bier, Broilerdampf. Zur Straße hin war ein großes Loch mit Lamellen, das war die Lüftung, und da bildete sich über die Jahre eine schöne langgezogene Fettnase. Die sehe ich noch heute vor mir! Auch das „Ratseck“ (wo heute die Tourist-Info steht) war Kult. Dorthin konnte man sonntags schön zum Frühschoppen gehen. 

Ab September 1989 musste ich meinen Militärdienst leisten. Ich wurde nach Berlin geschickt, hinterher habe ich festgestellt: zur Stasi. Ich war beim Wachregiment "Feliks Dzierzynski", ohne zu wissen, dass es dem Ministerium für Staatssicherheit unterstellt war. In meinen Papieren und überall stand „Ministerium des Innern“. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Wir überwachten die NVA-Druckerei in Berlin-Teltow; ich stand immer am Tor und musste Ausweise kontrollieren. Das war‘s. 

Beim Wachregiment "Feliks Dzierzynski"

Ich hatte mich für drei Jahre verpflichtet, denn das hatte mir der Chef der Tischlerei, bei der ich meinen Meister machen wollte, nahegelegt. Aus den drei Jahren wurden letztlich nur sechs Monate, denn am 9. November fiel die Berliner Mauer, und unser Regiment wurde bald komplett aufgelöst. Schon Ende November verdünnisierten wir uns einen Nachmittag nach Westberlin. Wir wollten unsere 100 D-Mark abholen. Ich besuchte in Kreuzberg einen Kumpel, und landete im Plattenladen. Unsere sächsischen Mitdienenden kauften am Kotti echte Dusseligkeiten: zum Beispiel einen Billig-Ghetto-Blaster, bei dem nach der zweiten Bedienung das Kassettenfach nicht mehr aufging, und das alles zum „Schnäppchenpreis“ von 89 Mark. Da konnte ich reden wie ich wollte, die waren einfach nicht davon abzubringen! 

Ende der 1980er-Jahre waren meine Großeltern gestorben und hatten meiner Schwester und mir ihr Haus hinterlassen. Irgendwas musste ich mit der Hütte machen, und meinen Meister konnte ich ohnehin vergessen – wer bildete denn so kurz nach der Wende noch aus? In Kreuzberg hatte ich mir angeschaut, wie man Pizza backt, und so kam ich auf die Idee, in Lychen eine Pizzeria zu eröffnen. Das fand ich witzig. Zwar hatte es Nachbauten sämtlicher Fast-Food-Variationen auch in der DDR gegeben, Ketwurst als Hot-Dog-Kopie, oder Grilletta, einen sehr, sehr profanen Hamburger: eine Bulette aus Schweinefleisch in einem aufgeschnittenen Brötchen mit roter Soße. Aber Pizza eben nicht. Ich kaufte mir einen echten Steinofen und genau dort, wo früher Särge präsentiert worden waren, servierte ich bald Pizza Hawaii. Die Pizzeria mutierte dann aber zur Kneipe, denn ich schenkte mehr Alkohol aus, als ich Pizzen verkaufte. Mitte der 90er wurden die Verkäufe merklich schlechter. Es wohnten weniger Leute hier, die Arbeitslosigkeit war richtig hoch und es kamen kaum noch Touristen. Im Winter ging ich zusätzlich arbeiten: im Garten- und Landschaftsbau, im Malerbetrieb, beim Umzugsunternehmen. 

In Lychen hat mich vor allem das Haus gehalten, und natürlich das Angeln: Wo kann man dieses Hobby besser ausleben als hier? Und später wurde es ja auch besser – oder zumindest anders...“ 
Juliane Primus

Markus Pinnow, wegen seiner Körpergröße besser bekannt als „der Lange“, wurde am 13. Dezember 1970 in Templin geboren, wuchs in der Stargarder Straße 16 in Lychen auf und kochte schon als Jugendlicher gern. Nachdem sich die Pizzen immer schlechter verkauften, sattelte er um auf gutbürgerliche Küche: Bauern-Frühstück, Soljanka, Schnitzel. Peu à peu tischte er im "Gasthof am Stadttor" Fisch auf: gekochten Hecht, gebratene Forelle, später auch Filet. Wenn er nicht hinter dem Herd steht, ist er auf dem See oder dem Meer und angelt. 

Der Text ist zuerst in der "Neuen Lychener Zeitung" erschienen.

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