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Damit er wieder tanzen kann, entließ er sich aus dem Krankenhaus

Bis vor wenigen Tagen lag Schauspieler Günter Schanzmann (82) mit Wasser in der Lunge im Krankenhaus. Das Herz, es schwächelt. Schanzmann hat sich kurzerhand selbst entlassen „Ich habe ja Verpflichtungen“, sagt er.

Seine Verpflichtung: die Rolle des unglücklich verliebten Don José im Musiktheaterstück „Notre Carmen“. Das für seine unkonventionellen Ideen bekannte Theaterkollektiv „Hauen und Stechen“ inszeniert nach der berühmten Oper von Georges Bizet.

Der Artikel ist am 13. Dezember 2017 in der "B.Z." erschienen

Tanzend, singend und monologisierend steht Schanzmann zurzeit auf der Bühne der Sophiensaele. Wohlgemerkt im Tutu. Und zwischen Schauspielkollegen, die allesamt nicht einmal halb so alt sind wie er. „Man lebt ja nur einmal“, sagt Schanzmann. Er sei schon immer ein „Hansdampf in allen Gassen“ gewesen.

Geboren in Westfalen, machte er erst einmal eine Schlosserlehre. „Ich wollte Schauspieler werden, aber meine Eltern sagten: ‚Nein, das geht nicht, da verdient man kein Geld‘“, erzählt Schanzmann. Als er mit 21 volljährig war, zog er von zu Hause aus und hängte eine Ausbildung zum Sozialarbeiter ran. Mit den Jugendlichen konnte er endlich Theater spielen. Parallel gab er Religionsunterricht.

Überhaupt machte Günter Schanzmann immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig, meistens war Theater mit dabei. Politische Bildungsarbeit für die Kirche und Theater spielen, Orgeln bauen und Theater spielen, eine Klempnerfirma leiten und Theater spielen.

Einmal reparierte er für den Schauspieler Volker Spengler den Gasherd. „Da saß eine ganze Horde in der Küche und alle rauchten Pfeife, wie bei den Indianern“, erzählt Schanzmann. Oberindianer war Rainer Werner Fassbinder persönlich. „So haben wir uns kennengelernt.“

Überhaupt scheint Günter Schanzmann die komplette Theaterwelt der vergangenen 50 Jahre persönlich zu kennen. Er hüpfte bei Pina Bausch in Frankfurt, plauderte mit Heiner Müller, Martin Wuttke und Georgette Dee. Als Schanzmann vor knapp 20 Jahren nach Berlin kam, holte ihn Christoph Schlingensief an die Volksbühne.

Einer, der was zu erzählen hat: Günter Schanzmann im Gespräch mit Juliane Primus, Foto: Charles Yunck

Mit einem Kollegen trat er in Ostberliner Altersheimen auf. „Dinner for One“, Schanzmann als Miss Sophie. „Doch die Alten verstanden gar kein Englisch.“

Nun, mit 82 ist er etwas ruhiger geworden. „Eigentlich mache ich jetzt nicht mehr viel.“ Eigentlich. Einem senegalesischen Freund vermittelt er gerade einen alten Traktor, damit der Biobauer werden kann. Und sogar vom Krankenhausbett aus hat Schanzmann Zuschauerakquise betrieben. Die Kinder seines 92 Jahre alten Bettnachbarn wollen sich nun unbedingt „Notre Carmen“ anschauen. Schanzmann wirkt zufrieden: „Es ist doch schön, das Leben.“

Wieder am 15., 16. und 17.  Dezember, 19.30 Uhr, Sophiensaele, Sophienstraße 18, Berlin-Mitte, www.sopiensaele.com

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