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Traurige Post in den Schützengraben

Ein berührender Fund aus unserem Familienarchiv: Im Dezember 1917 schrieb die 12-jährige Lotte ihrem Bruder einen traurigen Weihnachtsbrief. Der 21-jährige Robert saß in dieser Zeit in Galizien im Schützengraben. Und die beiden wussten nicht, ob sie sich jemals lebend wiedersehen würden. Wir kennen das Ende der Geschichte: Robert kehrte 1918 körperlich unversehrt zurück, er lebte bis 1963.

Wir wünschen friedliche Weihnacht!

Mein lieber Bruder!

Das liebe Weihnachtsfest rückt wieder näher und näher heran. Voriges Jahr konntest du das liebe Fest in unserer Mitte feiern. Weißt du noch, wie schön es war, wenn wir alle zusammen um den Baum saßen? Jetzt liegst du nun bald ein Jahr im Schützengraben. Wie würden wir uns freuen, wenn du auf Urlaub kommen könntest.

Dieses Jahr werden in vielen Familien traurige Weihnachten sein, da die Väter oder Brüder im Felde sind, und auch viele sogar einen lieben Angehörigen verloren haben. Auch wir freuen uns nicht so wie sonst auf das Fest. Einen Tannenbaum wird es dieses Jahr nicht geben. Auf den Stollen und Gänsebraten müssen wir auch verzichten.

Aber wenn wir an euch, ihr tapferen Soldaten, denken, ihr müsst ja noch so viel mehr entbehren, in Feindesland, fern von all euren Lieben! Wenn doch erst der Krieg ein Ende nehmen würde! Wir wollen nur die Hoffnung nicht verlieren, es muss doch einmal Frieden werden!

Lieber Robert, du musst jetzt recht viel frieren in Galizien? Mutter hat schon deine Wintersachen abgeschickt, die Müffchen habe ich gestrickt, du wirst sie wohl gut gebrauchen können. Vater hat Zigaretten beigelegt.

Dass Emil im Lazarett liegt, weißt du schon. Er ist sehr froh, dass er wieder in der Heimat ist. Die verwundete Zehe ist ihm abgenommen worden.

Vorige Woche hat es geschneit. Das war aber fein! Da habe ich den Schlitten aus der Kammer geholt und habe tüchtig gerodelt. Aber bald war die Herrlichkeit vorbei, denn Frau Sonne meinte es gar zu gut.

Vor kurzem war ich mit Mutter beim Schularzt. Er hat mir ¼ Liter Milch täglich verschrieben, auf sechs Wochen. Die lass ich mir jetzt gut schmecken.

Vetter Fritz wird bald ins Feld kommen.

Ich will nun schließen.

Auf ein gesundes Wiedersehen hoffend grüßt dich herzlichst deine treue Schwester Lotte

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